Kripper Essigfabrik ©
© Bericht von Willy Weis und Hildegard Funk
Gründerjahre
Der nach dem deutschen Sieg über Frankreich 1870/71 aufkommende wirtschaftliche Aufschwung, bewog viele vermögende Bürger mit Unternehmergeist auch auf dem Land Betriebe und Fabriken zu gründen, Preiswerter Grund und Boden sowie billige Arbeitskäfte dürften neben den neuen Transportmöglichkeiten durch die noch recht neuen Eisenbahnlinien am Rhein ausschlaggebend dafür gewesen sein, dass auch in unserer Region neue Betriebe entstanden.
Firmengründung in Kripp

So gründete die aus Köln stammende begüterte Familie Clemens Wenzeslaus Sorgenfrey zusammen mit einem Herrn Obermann 1872 in Kripp eine Weinessigfabrik in einem bereits bestehenden älteren Gebäude im Ortskern. Wo dieses Haus gestanden haben mag, konnte nicht mehr ermittelt werden. Sieht man einmal von dem Vermerk „Essig-und Liquer-Fabrik" in der gewerblichen Tabelle von 1876 ab, so ist über die Ordnung nichts bekannt. Lediglich der Eintrag, dass dort zwei männliche Arbeiter über 16 Jahre beschäftigt waren und der Betrieb nicht mit Dampf-, Gas- oder Wasserkraftmaschinen arbeitete, gewährt einen kleinen Einblick in die Betriebsverhältnisse (LHAKo635/445)
Der Mitbegründer C.W.Sorgenfrey starb bereits am 13.Mai 1872 im Alter von 54 Jahren in Kripp. Seine Tochter Maria Sybilla vermählte sich am 27.5.1876 mit einem Louis Obermann, der vermutlich der andere Familienteilhaber war. Dieser verstarb nach einigen Jahren, wobei das genaue Jahr nicht bekannt ist (vor 1887)
Für die nachfolgende Firmengeschichte ist dies von Bedeutung.
Folgenreiche Steuerprüfung
Das Schicksal wollte es wohl, dass der 40 Jährige Vincenz Voß in seiner Eigenschaft als Obersteuer-Kontrolleur des Finanzamtsbezirkes Mayen 1887 in Kripp auftragsgemäß die dort ansässige Weinessigfabrik Obermann&Sorgenfrey einer Steuerprüfung unterziehen musste. Als mobiler berittener Steuerprüfer erhielt er einen amtlichen „Pferdezuschuss", heute wäre das wohl ein Zuschuss für ein Dienstfahrzeug.
Voß lernte bei der Prüfung die Fabrikantenwitwe Sybilla Obermann geb.Sorgenfrey kennen. Vermutlich leitete sie nach dem Tode ihres Mannes die kleine Fabrik.
Der Steuerprüfer verliebte sich in die Witwe und beide planten eine gemeinsame Zukunft. In einem Brief vom 10.8.1887 tat er dies an seine Freunde voller Stolz und Freud kund:
„Meine Frau hat alle Vorzüge, die man bei einer Frau wünscht, ist außerdem reich, hat ein großes Besitzthum mit einer großen Fabrikanlage am schönen Rhein. Unsere jetzigen Entscheidungen gehen dahin, dass ich in den nächsten Monaten meine Stellung aufgebe, abrikant werde und dauernd meine Wohnung im eigenen Sitz am schönen Rhein aufschlage".
Das Schreiben erlaubt den Rückschluss, dass es sich um eine solide Firma handelte
1887 schied Voß mit dem Verzicht auf pensionsrechtliche Versorgungsansprüche aus dem Staatsdienst aus und vermählte sich am 3.10.1887 mit der Fabrikbesitzerin. Aus dieser Ehe gingen vier Kinder hervor, von denen ein Junge im alter von nur eineinhalb Jahren an einer Gehirnhautentzündung starb.
Ausbau der Firma
Als neuer Chef der Weinessigfirma Obermann&Sorgenfrey sorgte Voß für ein expandierendes Geschäft. Das alte Betriebsgebäude war auf Dauer zu klein, und der Zwang zur betriebwirtschaftlichen Optimierung machte ein größeres Gebäude notwendig. 1898 entschied man sich deshalb für den Neubau eines Wohnhauses mit Produktionsräumen in der heutigen Quellenstraße 41-43. Die Grundsteinlegung erfolgte am 25.1.1899. Fertiggestellt wurde das Haus 1900.

Auf die Essigfabrikation kamen aber schlechte Zeiten zu, denn ab 1899 stieg der Preis für hochprozentigen Alkohol zur Herstellung von Essig um das Dreifache. Es wurde zeitweise mit Verlust gearbeitet. Der Unterhalt der Fabrikantenfamilie musste deshalb einige Jahre aus Erspartem bestritten werden.
Sybilla Voß verstarb 1901 45 jährig und hinterließ drei kleine Kinder im Alter von 6 bis 11 Jahren. Vinzenz Voß überlebte sie um 5 Jahre. Er starb mit 59 im Jahre 1906 in Kripp.
Familie Voß war für ihr großes soziales Engagement in Kripp bekannt und beliebt. Sie engagierten sich besonders für Kinder der Arbeiter zur Weihnachtszeit. Alljährlich veranstalteten sie zusammen mit anderen Fabrikantenfamilien zur Feude der armen Kinder von Kripp eine große Weihnachtsfeier mit Weihnachtsbaum und Bescherung im Gasthaus Rhein-Ahr.
Von 1897 bis zu seinem Tod war Vincenz Voß Remagener Stadtverordneter. Wegen seiner besonderen Leistungen für Kripp wurde zu seinem ehrenden Gedenken die einstmals von Linden gesäumte Nobelstraße auf der „Oberkripp" mit ihren repräsentativen Nobelhäusern „Ober dem Zaun" in Voßstraße umbenannt. Sie trägt heute noch seinen Namen.
Verkauf der Fabrik
Nach dem Tode des Fabrikbesitzers wurde der Betrieb 1906 an Karl Werner verkauft. Er erweiterte die Angebotspalette der Fabrik noch um eine Senfproduktion. Später war er auch Besitzer der Kripper Maria-Luisenquelle.
Als Werner durch Probleme bei der Erbohrung der Quelle in finanzielle Schwierigkeiten geriet und mit der Bohrfirma prozessierte, verkaufte er kurzerhand für 180 Mark das gesamte Essigsprit- und Weinessiggeschäft mit Rezepturen inklusive Senfmühle und Ölpresse an seinen ehemaligen Mitarbeiter und Senfmeister Anton Luchs aus Kripp.
Dieser produzierte, wie auch der Vorgänger unter dem Namen der Gründer Obermann & Sorgenfrey, weiterhin in diesem Gebbwohl das anwesen die Besitzer wechselte, unter anderem an die ortsbekannte Möbelfabrik Atzenroth, die dort bis 1980 mit ca 150 Beschäftigten tätig war.
Neben der Herstellung und dem Vertrieb von hochfeinen säurestarken Weinessigen und feinstem Tafelsenf, wurde der Betrieb zudem um einen Lebensmittelgroßhandel erweitert. Hauptkunden waren vor allem Ordensschwestern in Remagen.
Anton Luchs verlagerte die gesamte Weinessig- und Senfproduktion unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg in neue Produktionsräume auf der Oberkripp, heutiges Anwesen Quellenstraße 131. 1965 erlosch die Produktion der Kripper Essigfabrik durch Anton Luchs. Über 90 Jahre lang waren damit in Kripp unter dem Gründernamen Obermann&Sorgenfrey Essig und Senf produziert worden.